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Ihme-Zentrum 22 Geschosse auf marodem Basement

Interview

Ihme-Zentrum: „Schlimmer geht es ja eigentlich nicht mehr ...“

Große Teile des Ihme-Zentrums soll die Civitas Property Group kaufen. Geht das Elend um die Sanierung damit weiter? Fragen an den Lindener Ratsherren Daniel Gardemin (B90/Die Grünen).

  Wolfgang Becker | 12.03.2019

Daniel Gardemin_Portrait
Ratsherr Daniel Gardemin (B90/Die Grünen)
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Ratsherr Daniel Gardemin (B90/Die Grünen)

Erneuter Eigentümerwechsel im 1974 eingeweihten Betonklotz. Hat Dich das überrascht?

Das Geschäftsmodell aller drei Investoren der letzten 20 Jahre ist die Immobilienspekulation. Kaufen, abwarten, ggf. ein wenig ausbessern, mit Gewinn verkaufen. Gegenüber dem NDR hatte ich gerade im Februar die Vermutung geäußert, dass der Großeigentümer Intown das Ihme-Zentrum noch vor dem vereinbarten Sanierungstermin wieder verkauft. Das entspricht der Unternehmenslogik. Unterzeichnet ist noch nichts, aber es sieht tatsächlich nach einem Eigentümerwechsel aus. Der NDR recherchiert übrigens derzeit zu den Geldquellen von Intown.

Nach Engel, Carlyle und Intown möchte jetzt die Luxemburger Civitas Property Group die Sanierung angehen. Hoffnung für die Bewohner des Ihme-Zentrums?

Hoffnung definiert sich an den Erwartungen. Schlimmer als Intown geht es ja eigentlich nicht mehr. Insofern keimt bei jeder Veränderung wieder Hoffnung auf. So hat der Oberbürgermeister mitgeteilt, dass der neue Investor Lars Windhorst von Civitas ja sein Ansehen verbessern müsse und das Ihme-Zentrum für seine Reputation wie geschaffen sei. Er wolle sich einen guten Namen machen. Das scheint mir der allerletzte Strohhalm zu sein, an den man sich noch halten kann. Wenn das Ansehen eines Unternehmers so richtig schlecht wie das von Windhorst ist, wird er sich wohl besondere Mühe geben.

Experten schätzen die Kosten der Sanierung auf rund 300 Millionen €. Lohnt sich das überhaupt, oder sollte man den Klotz lieber abreißen?

Sanieren ist, wie gesagt, nicht das vorrangige Geschäftsmodell. Es geht um Geldsicherung, Weiterverkäufe und Mitnahmeeffekte. Das ist immer das gleiche Muster. Am Anfang steht Geld, das für andere gesichert und wenn möglich gemehrt werden soll. Je verflochtener das Unternehmen, desto finsterer die Geldquellen. Zypern, Luxemburg, Britsh Virgin Islands sind zumeist die steuerfreien Firmensitze dieser Unternehmen. Bei Carlyle waren es noch Gelder US-amerikanischer Rentner, während hingegen Intown und Civitas Risikokapital anonymer Anleger vermarkten. Für sie werden auf allen Kontinenten Großimmobilien mit hohem Wertsteigerungspotenzial gekauft. Immobilien in Hannover weisen nach einer Immowelt-Prognose mit plus 62 Prozent die höchste Gewinnerwartung in ganz Deutschland bis zum Jahr 2030 auf. Nicht die Immobilie und ihre Sanierung ist wichtig, sondern Geld wird für einen bestimmten Zeitraum in einem lukrativen Markt geparkt. Intown hat mit diesem Modell innerhalb von nicht einmal vier Jahren höchste Gewinne aus dem Ihme-Zentrum gezogen. Saniert wurde nichts. Wenn das Modell scheitert, wie bei Carlyle, ist die Firma wieder weg und die Schulden bleiben im Land. Handwerker wurden um ihr Geld betrogen, 400.000 Euro heißt es, und die Berliner Landesbank musste Millionen aus dem Ihme-Zentrum-Deal mit Carlyle abschreiben. Landesbanken scheinen der Macht internationaler Unternehmen nicht gewachsen zu sein. So musste die Nord/LB 149 Millionen Euro ausgerechnet aus Geschäften mit dem neuen Investor des Ihme-Zentrums in den Wind schlagen. Kein gutes Vorzeichen für Hannover.

Die Stadt ist Ankermieterin im Gebäude und hat auch an Intown Millionen an Miete gezahlt. Werden die dabei geschlossenen Verträge auch bei einem Eigentümerwechsel umgesetzt?

Es geht heute nicht mehr um die Miete, die bezahlt worden ist, sondern um die Büroflächen, für die bis 2042 Miete gezahlt werden soll. Der Oberbürgermeister hat versichert, dass das Vertragswerk mit Intown auch bei einem Eigentümerwechsel weiter Gültigkeit behält. Wir werden ja sehen, wie wasserdicht die Verträge sind. 2016 konnte Intown das Ihme-Zentrum im Wege der Zwangsversteigerung für 16,5 Millionen € lastenfrei übernehmen. Zudem ist der Vertrags-Zeitplan eng gesteckt, beim Eigentümerwechsel muss neben gutem Willen auch noch unternehmerisches Geschick hinzukommen. Baufirmen sind derzeit gut beschäftigt, Gelder müssen aufgenommen und neue Geschäftsführer eingearbeitet werden. Der Fahrplan sieht vor, bis nächstes Jahr die Fassade des Sockelgeschosses zu errichten. Dann wird die Stadt aus den Bürotürmen ausziehen und der Investor hat zwölf Monate Zeit für die Sanierung der Büroflächen. Anschließend zieht die Stadt am 1. Oktober 2022 wieder ein. Nur bei Einhaltung dieser Abfolge stehen die Büromieten der Stadt dem Investor in Aussicht. Wie das alles funktionieren soll, wenn im Mai ein neuer Eigentümer kommt, erklärt sich mir noch nicht. Es kann aber auch sein, dass der Investor ganz andere Pläne hat, mehr als eine Absichtserklärung kennen wir ja noch nicht.

Für die Stadt und die Politik bedeutet das, dass wir uns auch ernsthaft mit Alternativszenarien beschäftigen müssen. Ich habe dazu zwei klare Forderungen. Unabhängig von den fortlaufenden Eigentümerwechseln muss die Stadt die sozialen, strukturellen und städtebaulichen Entwicklungsmöglichkeiten des Ihme-Zentrums mit einer sogenannten Vorbereitenden Untersuchung ausloten. Dafür steht ihr Städtebaurecht zur Verfügung. Es nicht zu nutzen, ist eine Unterlassung, die im entscheidenden Moment die Handlungsfähigkeit der Stadt erheblich einschränkt. Denn bei einer erneuten Insolvenz oder bei Fragen der Verkehrssicherheit bis hin zu behördlichen Interventionen wie bei Intown in Dortmund, bedarf es des Wissens um Handlungsstrategien. Damit verbunden ist meine zweite Forderung, ernsthaft funktionierende Modelle eines nicht spekulativen Invests zu entwickeln. Dazu gehört die Frage, wie auch mittelständische Unternehmen eine Chance erhalten können, Teile des Ihme-Zentrums zu entwickeln. Auch ist die Gründung einer städtischen Auffanggesellschaft denkbar, die Teile des Ihme-Zentrums vermarktet und Teile selber nutzt. Die Stadt als Ankermieterin kann auch in ihrer eigenen Immobilie arbeiten. Das neue Verwaltungsgebäude am Schützenplatz zeigt ja erfolgreich, wie Investitionen über eine städtische Tochtergesellschaft abgewickelt werden können. Die Stadt schöpft in einer so wichtigen Frage wie der Zukunft des Ihme-Zentrums nicht alle Möglichkeiten aus. Stattdessen hat der Oberbürgermeister 2016 unter Ausschluss der Ratspolitik und der Öffentlichkeit ein Strategiepapier entwickeln lassen, in dem er drei Szenarien betrachten lässt. Auszug, öffentliche Investition und Fortsetzung der Büroanmietung. Im engsten Kreis wurde dann die weitere Büroanmietung beschlossen. Hätte es eine öffentliche Beratung gegeben, wären sicherlich mehr Optionen auf den Tisch gekommen. Das muss anders werden. Bei einer so komplexen Sachlage reicht es nicht aus, wenn das Büro des Oberbürgermeisters allein handelt.

Oberbürgermeister Stefan Schostok hat das Ihme-Zentrum zur Chefsache erklärt. Was kannst Du ihm für das weitere Krisenmanagement raten?

Ich gehe nicht davon aus, dass der Oberbürgermeister meine Ratschläge zur Kenntnis nimmt. Meine Forderungen sind aber keine Privatmeinung, sondern von Städteplanern, Architekten und Juristen ausgearbeitete Vorschläge, die demokratische Mehrheiten im Bezirksrat Linden-Limmer gefunden haben. Die Anträge wurden bislang alle von der Verwaltung abgelehnt. Die Pressekonferenz des Oberbürgermeisters zum anstehenden Eigentümerwechsel hat ganz gut das Dilemma abgebildet. Schostok spricht davon, wie umständlich und anstrengend eine Einbeziehung der Öffentlichkeit in die Entscheidungen zum Ihme-Zentrum wäre. Ich habe mir die Worte gut notiert, weil die Öffentlichkeit wissen muss, unter welcher Prämisse städtisches Handeln erfolgt. Der Oberbürgermeister sagt: "Wenn man öffentlich etwas macht, dann haben sie Beteiligungsphasen, die gehen noch über die Beteiligung eines Steintors oder einer Wasserstadt Limmer weit hinaus und dann prognostiziere ich, kommt man mit 200 Millionen nicht aus. Ein Privater kann ganz anders handeln, dafür bekommt er unsere volle Unterstützung, darum hat er gebeten."

Eigentlich ist das eine Bankrotterklärung der öffentlichen Hand. Alle Macht der Privatwirtschaft, die Kommune kann es nicht. Es kommt in der Aussage aber auch ein tiefes Misstrauen in öffentliche Diskurse zutage. Beteiligung sei sperrig, würde nur Zeit und Geld aufzehren. Der Investor Windhorst hingegen sei umgänglich. O-Ton des Oberbürgermeisters: "Ich werde gerade sehr zuvorkommend von Herrn Windhorst behandelt." Wir wir sehen, ist aber genau das Gegenteil der Fall. Seit zwanzig Jahren ist das Ihme-Zentrum Spielball von Großinvestoren, die Zeit, Geld, Vertrauen und Nerven rauben. Nur die Worte sind gefällig. Der Oberbürgermeister nimmt sich selbst alle Optionen, wenn er den Dialog nicht öffnet. Allerdings ist ein Umsteuern auch verdammt schwer, weil es das Eingeständnis einer Fehlentwicklung beinhalten müsste.

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Fotos: Wolfgang Becker

Portrait Daniel Gardemin: Helge Krückeberg

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