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Beratungssituation_Arbeitsmarktberatung für geflüchtete Frauen

Geflüchtete Frauen / Arbeit

Zwischen Kulturalisierung, rechtlicher Unsicherheit und kleinen Schritten

Gedanken über mögliche Vorurteile bei der Arbeitsmarkt-Beratung geflüchteter Frauen und über eine reflektierte und faire Haltung gegenüber diesen Frauen.

  Waltraud Kämper | 05.03.2019

Rona* 32 Jahre, gläubige Muslimin, Mutter von 2 Kindern / Nour* 25, aus Syrien, schwanger, Kopftuch / Famia* 28, aus Afghanistan, schwer verständliches Deutsch. Häufig ist es nicht mehr, was wir wissen, wenn eine geflüchtete Frau in die Beratung kommt. Welche Bilder klicken dann im Kopf der Beraterin? Was meinen Sie: welche dieser Frauen möchte wohl Autos verkaufen – will bei ihrem Kind zu Hause bleiben – möchte in ihrem Beruf Elektroingenieurin arbeiten – bzw. möchte eine Ausbildung zur Finanzwirtin machen?

Nach wie vor begegnet frau ausländischen / geflüchteten Frauen mit einem verengten, kulturell gefärbten Blick. Und dies noch mal verstärkt, seit die Religion – ja, genauer der Islam – zur alles erklärenden Sache in Deutschland wurde. Über Muslime weiß frau allgemein Bescheid, was »die« für ein Frauenbild haben und wie Frauen »dort« auf’s Häusliche begrenzt sind ...

Ob das Gegenüber eine sozialistische Muslima ist oder eine streng-gläubige, eine feiertagsgläubige oder eine weltoffene Muslima – das wird meist nicht erkundet, oft nicht einmal gedacht. »Fremde Frauen verschwinden in der Kollektivität, ihnen wird in der Regel jede Individualität – die Menschen aus der Dominanzkultur für sich selbstredend in Anspruch nehmen – abgesprochen«, so hat es Prof. Dr. Prasad von der Alice-Salomon-Hochschule Berlin festgestellt.

Es sollte sich herumsprechen: Geflüchtete Frauen haben u. a. großes Durchhaltevermögen, Anpassungsfähigkeit und Organisationstalent auf ihrer Flucht bewiesen. Sie bringen Lebens-, Studien- und Berufserfahrung aus ihren Herkunftsländern mit – wenn auch häufig ohne Zertifikate. Mehr als jede dritte Frau war vor ihrer Flucht erwerbstätig – weniger als in Deutschland, ja, aber über die Gründe dafür und über ihre Lebensvorstellungen ist im Einzelfall wenig bekannt. Wer will das wissen und als eine Ressource für Berufstätigkeit in Deutschland wertschätzen? Welche/r Arbeitgeber/in trägt mit ihnen die rechtliche Unsicherheit, ob sie bleiben dürfen und ob es sich lohnt, in ihre Weiterbildung zu investieren, und gibt ihnen eine berufliche Chance?

Wer geschlechts- und integrationsspezifische, rechtliche oder ökonomische Aspekte in der Beratung sowie bei Bewerbungsgesprächen nicht berücksichtigt, wird dem Gegenüber nicht gerecht und untergräbt die Handlungskraft von geflüchteten Frauen. Jede Frau, egal welcher Farbe oder Orientierung, ist ein Individuum. In der (Berufs-)Beratung muss immer der Einzelfall gesehen und befragt und die strukturellen Hindernisse beachtet werden. Und es bedarf einheimischer Türöffnerinnen, die Frauen ermutigen, sich zu zeigen mit ihren Stärken und Fähigkeiten, und die bereit sind, diese auch anzuerkennen.

Einige ehemalige Teilnehmerinnen von »Ponte – Brücken in den Arbeitsmarkt« haben nach vielen vergeblichen Bewerbungen Arbeit im gewünschten Bereich gefunden ... andere warten noch darauf, eingeladen zu werden.

Übrigens, Rona ist Elektroingenieurin, Famia ist zwar Lehrerin, würde aber am liebsten Autos verkaufen und Nour hofft, dass sie ein halbes Jahr nach der Geburt einen Krippen- und einen Ausbildungsplatz findet.

* Namen geändert.

Gastbeitrag aus der Zeitung des Hannoverschen Frauenbündnisses zum Internationale Frauentag, Ausgabe 2019.

Foto: Waltraud Kämper

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