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Brexit

Interview zum Brexit

"Es gibt so viele interne Konflikte..."

Ende März ist Schluss mit lustig. Dann muss der Austritt der Briten aus der EU vollzogen sein. Doch die Lage ändert sich täglich. Wie sieht das ein Engländer in Hannover?

  Wolfgang Becker | 26.02.2019

David Roscoe
David Roscoe
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David Roscoe

Fragen an unser Redaktionsmitglied David Roscoe.

David, wir kennen uns über die gemeinsame Arbeit für Welt-in-Hannover. Magst Du etwas zu Deiner Person sagen?

Gern beantworte ich deine Fragen, Wolfgang. Ich bin 71 Jahre alt, komme aus Nordostengland in der Nähe von Manchester. Nach Hannover bin ich im Jahr 1978 gekommen und habe über 30 Jahre als Englischlehrer hier in Hannover gearbeitet.

Am 23. Juni 2016 haben die Briten bei einem Referendum mit knapper Mehrheit für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Welche Gedanken verbindest Du mit diesem Tag?

Leider habe ich kein Stimmrecht in Großbritannien. Margaret Thatcher hat in den 80-er Jahren ein Gesetz eingeführt. Laut diesem Gesetz verlieren die ausgewanderten Bürger nach 5 Jahren das Stimmrecht. Ein Freund hat es knapp geschafft, wählen zu dürfen. Das Referendum wäre bestimmt anders ausgegangen, wenn mehrere ausende Briten, die in Südspanien wohnen, gewählt hätten. Ich habe mir keine Sorgen am diesen Tag gemacht, weil ich fest davon überzeugt war, dass die Briten für den Verbleib in der EU stimmen würden. Das Ergebnis hat mich total geschockt - damals und immer noch heute.

Warum haben sich 52 Prozent deiner Landsleute für den „British Exit“ entschieden?

Damals hat die britische Regierung zu wenige Informationen an die Bevölkerung gegeben. Keiner wusste, wie Brexit aussehen sollte. Junge Leute haben mehrheitlich für den Verbleib gestimmt, aber nicht genug junge Leute sind überhaupt wählen gegangen. Ältere Leute haben meistens für den Brexit gestimmt und leider hatten sie die Mehrheit. Nach vielen Debatten und Diskussionen können die Menschen die möglichen Konsequenzen besser verstehen. Das hilft aber nicht bei der Findung einer Lösung.

Seit dem Referendum 2016 ist viel verhandelt worden, doch ihren abschließenden Deal mit der EU hat Ministerpräsidentin Theresa May nicht durch's Parlament bekommen. Was - denkst Du - wollen die britischen Politiker*innen?

Sehr schwierige Frage! Nordirland spielt eine wichtige Rolle. Die Grenze zu Irland muss offenbleiben. Sonst läuft es Gefahr, dass wieder Probleme mit der unabhängigen Bewegung kommen. Es gibt so viele interne Konflikte innerhalb der beiden großen Parteien. Was letztendlich zu einem Konsens führen wird, davon habe ich wirklich keine Ahnung.

Großbritannien will am 29. März 2019 die EU verlassen. Glaubst Du daran?

Das glaube ich nicht wirklich. No Deal wird ein Desaster für die Wirtschaft und für alle Beteiligten sein. Ich glaube nicht, dass jemand wirklich so was will und braucht. Welche Chancen haben Forderungen nach einem zweiten Referendum? So lange kein Deal in Sicht ist, wird die Möglichkeit für ein zweites Referendum immer größer. Ich kann das nur befürworten.

Du hast seit 14 Jahren sowohl die deutsche als auch die britische Staatsangehörigkeit. Haben Du und andere Briten durch den Brexit Veränderungen beim Leben in der Bundesrepublik zu befürchten?

Sicher. Wir glauben nicht, dass Leute nach Hause geschickt werden, aber Probleme mit den Behörden sind vorprogrammiert. Arbeitserlaubnis, Führerscheine, Rente aus dem Königreich, Anerkennung von Qualifikationen, Steuerrecht, Gesundheit und Bewegungen innerhalb des Schengenraums - das sind alle Fragen, worüber sich Politik noch Gedanken machen muss. Als ich im Jahre 2003 innerhalb von zwei Wochen eingebürgert wurde, wusste ich nicht, wie wichtig dieses Ereignis für mein zukünftiges Leben sein wird. Trotzdem bin ich froh, dass ich die britische Staatsangehörigkeit beibehalten durfte. Viele von meinen Landsleuten versuchen jetzt die deutsche Staatsangehörigkeit zu bekommen. Kein Wunder!

Foto: Martin Tönnies


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