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Fifi Abdou_Klassischer Bauchtanz_Standbild Video

Erfahrungsbericht

Wie ich den „Orientalischen Tanz“/“Raks Sharki“entdeckte

Oder: was bedeutet für mich Freiheit?

  Nina Iacovozzi | 26.02.2019

Für Menschen aus Europa oder den USA ist „der Punkt“ ein Ort, den es zu erreichen gilt oder der erst noch gemacht werden muss: „I think I‘ve made my point.“ „Das Essen ist auf den Punkt gewürzt.“ „Schnell zum Punkt zu kommen“ gilt in der deutschen Sprache als Tugend.

Doch genau diesem Punkt fehlen aus ganz unterschiedlichen Gründen oft die Worte. Sie fehlen, weil ihre Zeit noch nicht gekommen ist, oder weil dich die Worte in Lebensgefahr bringen können. Und manchmal sind Worte einfach viel zu begrenzt, um dem Leben wirklich Ausdruck zu verleihen.

Als ich das erste Mal mit dem orientalischen Tanz in Berührung kam, eröffnete sich mir eine neue Welt – jenseits des „schleierhaften“ Orientzaubers à la Hollywood, ein Geheimnis, das mir andernorts – selbst in anderen Formen des Tanzes – niemand so schnell verraten würde: in der Welt der klaren Worte liegt der Punkt oft außerhalb unseres Selbst und muss erst noch gemacht werden. Im orientalischen Tanz hingegen ist er von vorn herein da. Mitten in uns. Ganz selbstverständlich.

Die gebürtige Irakerin Rosin Fawzia Al-Rawi, Autorin des Buches „Der Ruf der Großmutter oder die Lehre des wilden Bauches“ erinnert sich daran, wie ihr ihre eigene die Großmutter den Bauchtanz, eigentlich ein Geburtstanz, sinngemäß mit folgenden Worten vermittelte: „In Dir liegt ein Punkt. Er ist der Ursprung allen Lebens. Das Becken umschwingt und umkreist ihn wie ein Pendel. Jede kleinste Bewegung, und sei es das nur Kreisen der Schulter oder die Bewegung der Fingerspitzen, sehnt sich zu diesem einen Punkt zurück. Rosina Al Rawi erinnert sich: „Es gab mir ein gutes Gefühl, mit so viel Macht im Bauch herumzulaufen.“

In den Köpfen von Europäern weckt der orientalische Tanz oft die Assoziation vom „Mittel zum Zweck der Verführung“. Dieses Bild wurde erstmals maßgeblich geprägt durch die Berichte von bekannten Orientreisenden wie beispielsweise dem französischen Schriftsteller Gustave Flaubert oder der niederländischen Tänzerin Mata Hari. Tatsächlich jedoch hat der orientalische Tanz in vielen Ländern des arabisch-islamischen Kulturraumes einen festen Platz im öffentlichen und sozialen Leben, wie die Fernsehaufnahme mit der berühmten ägyptischen Tänzerin Fifi Abdou oder die Aufnahme einer orientalischen Hochzeit zeigen. Es ist dabei schön zu sehen, dass der orientalische Tanz ein Ritual um der Lebensfreude und der Lebendigkeit selbst willen bildet und die Sinnlichkeit einfach mit dazu gehört. An dieser Stelle lohnt sich ein Blick in die verlinkten Videos.

Zurück zum Punkt und zur Macht im Bauch. – Macht im Bauch oder macht Worte. Oft empfinde ich Dankbarkeit dafür, in einem Land aufgewachsen zu sein, in dem Worte noch und relativ frei fließen dürfen, ohne mich in Lebensgefahr zu bringen, und ich mich kleiden kann wie ich möchte“. Als ich dem orientalischen Tanz begegnete, der in seinen Heimatländern oft nur unter Frauen getanzt wird, entdeckte ich einen Spielraum, den ich aus meiner eigenen Kultur nicht kannte: ein feines Harmoniegefühl aus Sanftheit und Intensität, aus Ruhe und Lebendigkeit, ein Gleichgewicht zwischen vorsichtiger Zurückhaltung und offener Sensibilität. Der besondere Charakter der Musik und die dazu passenden Bewegungen weckten in mir eine Energie, die ich durch europäisch geprägte Formen des Tanzes und der Musik bis heute nicht entdeckt habe. So konnte ich Gefühle besser erkennen und verorten. Ich begann stimmigere und ganzheitliche Entscheidungen zu treffen. Immer mehr wurde mein Leben zu einer „runden Sache“ – rund wie das Kreisen des Beckens.

Auf einmal war das Gefühl von Freiheit ganz anders in mir verankert. Und dies, finde ich, ist ein wichtiger Aspekt von Freiheit: sie braucht Orientierung, denn ich kann nur tun, was ich möchte, wenn ich auch spüre, was ich möchte. Sonst nützt die Freiheit darüber zu sprechen nur wenig.

Die Freiheit, im Takt des eigenen Rhythmus zu tanzen und damit zwischen Ruhe und Lebendigkeit zu wählen. Die Freiheit, sich Dinge einfach entwickeln zu lassen und eben nicht immer sofort auf den Punkt zu bringen, mag auf den ersten Blick mag trivial erscheinen, aber das ist sie nicht: gerade in westlichen Industrieländern ist das Leben oft so eng getaktet, dass viele Menschen zu wenig Muße finden, um sich zu ihren Gefühlen und Bedürfnissen überhaupt einen Zugang zu bahnen.

Wenn mir der Tanz eines gezeigt hat, Freiheit lässt sich nicht nur auf eine Art leben: sie lebt in Worten ebenso wie im Körper. Im Klang wie in der Stille. In der Sichtbarkeit wie Verborgenen. Und dort, wo sie sein will, bahnt sie sich ihren Weg.

Literaturtipps:

  • Al-Rawi, Rosina, Fawzia (1996): Der Ruf der Großmutter oder die Lehre des wilden Bauches. „Wien: Promedia.“
  • Said, Edward W. (1978): Orientalism, 25th anniversary edition. New York. Random House.
Die ägyptische Tänzerin Fifi Abdou
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Orientalische Hochzeitsfeier - Tanz unter Frauen
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Auftritt der international renommierten Tänzerin Sadie Marquardt
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