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Sharif im Gespräch

Interview

"Alle Menschen sind gleich, oder?"

Ganz allein flüchtete der heute 22jährige Sharif auf Land- und Seewegen von Afghanistan bis nach Deutschland. Jetzt lebt er in Hannover, hat einen Job und hofft auf eine Zukunft im sozialen Bereich.

  Claudia Ermel | 06.02.2019

Sharif erzähl bitte kurz etwas über dich, wo kommst du her, wie alt bist du, was machst du?

Ich heiße Sharif Ullah Mamkil, bin mit 18 im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen, bin also jetzt 22 Jahre alt. Ich bin in Jalalabad geboren., das ist eine Stadt im Nordosten von Afghanistan.

Bist du allein gekommen, oder mit deiner Familie oder Freunden?

Allein über Iran, Türkei, dann Bulgarien, über Land und Wasser.

Und deine Familie ist noch in Afghanistan?

Ja, sie würden gerne kommen. Aber wir haben nicht so viel Geld. Ich habe einen Bruder dort und zwei Schwestern. Meine Mutter ist auch noch dort.

Und wie kam es, dass du geflohen bist?

Ich habe mit einer amerikanischen Firma gearbeitet, mit den amerikanischen Soldaten. Das wurde schließlich gefährlich, denn die Taliban hatten verboten, dass Afghanen etwas für nicht islamische Firmen tun. Afghanistan ist ja ein islamisches Land. Ich bekam Angst, die Taliban hätten mich töten können. Ich wurde auch mehrmals gewarnt, dass ich besser fliehen sollte.

Und dann bist du also ganz alleine geflohen.

Ja ich bin über den Iran, Türkei und Bulgarien, Serbien nach Deutschland geflohen. In Bulgarien war ich 32 Tage im Gefängnis. Von der Türkei nach Bulgarien hat die Flucht sechs Monate gedauert. In Ungarn war ich zwei Monate in einem Flüchtlingsheim, wo man nicht rausgehen durfte.

Du bist also immer mit Schleppern gereist?

Ja, wir hatten in Afghanistan eine große Wohnung. Die hat meine Mutter verkauft, um mir das Geld für die Flucht zu geben.

Und dann nach der langen Reise bist du schließlich in München gelandet?

In München hat mich die Polizei erst in ein Flüchtlingsheim und dann ins Lager nach Friedland geschickt. Und von da kam ich schließlich nach Hannover,

Und jetzt wohnst du auch im Flüchtlingsheim?

Ich wohne seit dreieinhalb Jahren im Flüchtlingsheim in der Hildesheimer Straße.

Du hast aber auch einen Job bei einer Sicherheitsfirma, für die du in einem anderen Flüchtlingsheim arbeitest – nicht in dem, wo du wohnst. Wie kam es dazu?

2015 hatte ich am 13.12. eine Bewerbung an die evangelische Gemeinde geschickt, die für ihre zwei Flüchtlingsheime einen Pförtner suchte. Und so habe ich schließlich eine Sicherheitsbescheinigung nach §34a bei der IHK erhalten.

Und wie hast du Deutsch gelernt?

Bei der Arbeit.

Hast du keine Sprachkurse gemacht?

Doch, ich habe A1 und A2 gemacht, aber dann durfte ich nicht weitermachen, denn Flüchtlinge aus Somalia, Afghanistan und noch einigen anderen Ländern waren zu mehr nicht berechtigt. Das habe ich nicht verstanden. Alle Menschen sind gleich, oder? Ich habe es dann auch extra beantragt, aber es wurde abgelehnt. Ich sollte das selbst bezahlen. Aber das konnte ich nicht. Und die anderen in meiner Klasse aus Kurdistan, Syrien usw machten alle weiter. Die bekamen das automatisch, ich hätte es bezahlen müssen. Aber selbst bezahlen war viel zu teuer für mich. Ich habe Familie in Afghanistan, ich bezahle meine eigene Wohnung hier selbst.

Und wieso machst du jetzt das Praktikum bei AZF3?

Ich mache gerade ein Kontaktstudium bei kargah e.V. Vor zwei Jahren hatte ich dieses Kontaktstudium schon einmal angefangen und musste es wegen Krankheit abbrechen. Jetzt gab es die Möglichkeit, noch einmal neu anzufangen. Dafür mache ich das Praktikum.

Pflegst du denn im Flüchtlingsheim oder bei der Arbeit ein paar Kontakte zu anderen Menschen?

Unter Flüchtlingen habe ich nur Kontakt mit „Hallo Hey“ – Bekannten. Mit Deutschen hatte ich bisher noch gar keine Kontakte. Die deutschen Leute haben meistens Angst. Sie denken, dass wir gefährlich sind, weil wir aus einem Kriegsgebiet kommen. In Afghanistan ist seit 32 Jahren Krieg. Mein Leben war gefährlich, aber deshalb bin ich doch nach Deutschland gekommen. Ich will doch nur noch Ruhe und Frieden haben.

Hat dir deine Firma auch schon einmal einen Job bei Lidl oder einem anderen Unternehmen im Sicherheitsdienst gegeben, oder arbeitest du immer nur in einem Flüchtlingsheim?

Nur im Flüchtlingsheim. Ich habe den Job wegen meiner Sprachkenntnisse bekommen: Englisch, Türkisch, Paschtu, Urdu, Persisch.

Welche beruflichen Ziele hast du, nachdem du dein Kontaktstudium geschafft hast?

Ich möchte im sozialen Bereich arbeiten.

Wie sieht es denn mit deinem politischen Engagement aus. Interessierst du dich für Politik?

Nein, ich will mit Politik nichts zu tun haben. Ich habe meinen Bruder und meinen Vater wegen der Politik verloren. Sie sind beide tot.

Sharif, wir danken dir für das Gespräch und wünschen dir alles Gute für deine Zukunft.


Foto: Martin Tönnies

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