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Amalia

Interview zum Buch

Die Sprache auf die Bühne bringen

"Bei mir sollten die Leute die Sprachlernstufe B1 erreichen, aber sie haben eigentlich B2 erreicht durch das Projekt,“

  Claudia Ermel | 31.01.2019

Bei einem Ideenwettbewerb des „Gesellschaftsfonds zusammenleben“ der Landeshauptstadt Hannover gewann auch das Projekt von Amalia Sdroulia „die Sprache auf die Bühne bringen.“ Nach erfolgreicher Realisation dieser Idee veröffentlichte Amalia Sdrouli auch ein Buch dazu. WiH lud die gebürtige Griechin nun zu einem Gespräch über ihre Erfahrungen und ihre Meinung zum Lernen und Lehren ein.

Amalia, könntest du dich unseren Lesern kurz vorstellen?

Ich stamme aus Griechenland und bin vor 23 Jahren nach Deutschland gekommen, um Germanistik und Politik zu studieren. Ich arbeite aktuell als Honorarkraft an der Leibniz Universität Hannover und unterrichte Deutsch in der Erwachsenenbildung. Ich lehre Kurse B1, B2 und C1 im Rahmen der Integrationskurse der BAMF, aber auch im Fachsprachenzentrum in der Universität. Auch Alphabetisierungskurse habe ich zwischenzeitlich unterrichtet.

Beim Idenwettbewerb der Stadt Hannover gehörte dein Projekt „die Sprache auf die Bühne bringen zu den Gewinnern. Was hat es damit auf sich?

Ich erzähle am besten, wie ich auf die Idee gekommen bin: Als ich vor 23 Jahren nach Deutschland kam, habe ich selbst Deutsch gelernt und hatte ein sehr niedriges Niveau. Also habe ich immer wieder nach kreativen Mitteln und Strategien gesucht, meine Sprachlernkompetenz zu verbessern. Ich suchte mir etwas, dass mir Spass machte, um besser zu lernen. Ich probierte alles mögliche aus, ganz autodidaktisch und kreativ. Und als ich jetzt selbst anfing deutsche Sprachkurse zu unterrichten, stellte ich aus der Lehrerperspektive fest, dass die Schüler genau die selben Probleme hatten wie ich damals.

Wie hast du denn für das Projekt: „die Sprache auf die Bühne bringen“ die einzelnen Teilnehmer gefunden? Aus welcher Altersgruppe sind sie denn?

Ich habe in allen meinen Kursen gefragt, wer Lust hat, bei einem Theaterprojekt mit zumachen. Und da haben sich dann in jedem Kurs einige gemeldet. Das Alter ist von 20 – 45. BAMF trennt das ja in den Integrationskursen nicht nach Alter. Die Teilnehmenden sollen einfach Deutschkenntnisse für Studium, Ausbildung oder Beruf erwerben.

Dann hat diese bunt zusammengewürfelte Gruppe erst einmal szenisches schreiben mit dir geübt?

Ja, aber zuerst haben wir gemeinsam so genannte chunks gesammelt. In Büchern haben wir nach Formulierungen gesucht, die so nicht wortwörtlich übersetzt werden können. Den Sprachlernenden sollten anschließend diese festen Formulierungen beim Schreiben ihrer eigenen Fantasy-Geschichte helfen. Es war beeindruckend, was dabei herauskam. Die Teilnehmenden realisierten: „ Über mich, über das was ich erlebt habe, kann ich eine Geschichte schreiben. Ich kann ja viel mehr schreiben, als ich dachte.“

Es gab also auch autobiographische Texte dabei?

Viele sind ja stark traumatisiert, haben heftige Erfahrungen gemacht. Ich habe aber auch gesehen, dass die Schüler sehr politisch geschrieben haben, Freiheit, Gleichheit, Rassismus, Menschenrechte. Eigentlich ist ja alles und jeder politisch.

Und wie genau funktioniert das nun mit diesen chunks? Wie kommt es, dass Sprachenlernende damit schneller und besser lernen, sich auszudrücken ?

Deutsch hat eine schwierige Grammatik, die oft in festen Formulierungen besteht. Wortwörtlich kann so etwas nicht übersetzt werden. Ich habe da früher auch immer Fehler gemacht, wollte etwas wörtlich aus dem Griechischen übersetzen. Man kann eine Sprache nur wirklich beherrschen, wenn man die Sprache auch schreiben kann. Ich habe also gemeinsam mit den Teilnehmenden eine Liste mit Formulierungen zusammengestellt, die uns beim Verfassen individueller Texte helfen würden. Anschließend habe ich dann mit den Teilnehmenden szenisches Schreiben geübt.

Und schließich kam es zur Theateraufführung.

Es war super, was alle in dieser kurzen Zeit auf die Beine gestellt hatten. und es war beeindruckend, wie sichihre Sprachkompetenz verbessert hatte. Meine Schüler*innen haben mit A1 begonnen und ich war überrascht, was sie nach unseren Übungen beherrschten. Das war bestimmt schon A2.

Jedenfalls hat nicht nur das Projekt allen viel Spaß gemacht, sondern kam auch gut beim Publikum an.

Auf der Bühne haben einige meiner Schüler*innen sogar das Publikum zum weinen gebracht, weil das so heftig war, was sie erlebt hatten und nun wiedergaben.

Du hast erzählt, dass die Schüler*innen sehr politisch waren bei ihren Texten.

Sind das denn nur die Studierenden, die so polititsch sind? Nein, es gab eigentlich keine Person, die nicht politisch gedacht hat. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Teilnehmer, der aus einem Handwerksbetrieb kam. Eigentlich ist ja jeder Mensch mehr oder weniger politisch. Die meisten Schüler kommen ja aus Ländern, die keine Menschenrechte achten. Sie sind sehr glücklich, dass sie jetzt hier sind, in einem freiheitlich-demokratischen Land.

Du hast auch hinterher noch Kontakt zu einigen der Mitspielenden aus dem Theaterprojekt.

Ja, sie haben viel erreicht unterdessen. Einige studieren oder machen eine Ausbildung. Meine Schwester, sie ist Ärztin, hat bereits während des ?rojekts eine Anstellung erhalten. Das Theaterspiel hat ihr sehr geholfen, hat sehr viel zu ihrem Selbstbewusstsein beigetragen. Und ich bilde mich nun in Theaterpädagogik aus. Schüler haben mich dazu gebracht, jetzt eine Theaterpädagogische Ausbildung zu machen. Erst haben sie von mir gelernt, jetzt ich von ihnen.

Und jetzt läuft gerade bereits das nächste Projekt, wofür die Vorführungstermine Mitte des Jahres gerade festgelegt wurden.

Die erste Theateraufführung werden wir im Freizeitheim Vahrenwald machen und dann haben wir jetzt vielleicht auch noch einen Termin bei FAUST e.V. in Linden.

Aber als Schlusswort möchten wir nun noch deine Sichtweise der Didaktik hören.

Wie ich Didaktik verstehe : Es ist immer ein großer Genuss, wenn man im Leben etwas erreicht, woran die anderen zweifeln. Das ist ein glücklicher Moment, wenn ein Mensch gegen stereotype Vorurteile sein Leben lebt, mit Herz und Leidenschaft, nicht nur mit Technik und Logik sollten Schüler ihren eigenen Stil finden. Nur so können wir voll unsere Potentiale entwickeln. Wir sind selbst unsere besten Lehrer. Einfach das tun, was das Herz sagt. Mit Leidenschaft und nicht nur mit Logik oder Vernunft.

Viele Lehrer*innen trauen den Schüler*innen nichts zu. Dabei ist jede Person ein Individuum mit individuellen Begabungen, Träumen und Wünschen.

Rezension des Buches

Buch kaufen: Preis € 26,-

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