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Ich habe überlebt

Menschenrechte auch für Frauen

"Ich habe überlebt"

Sexualisierte Gewalt: Ute Neumann, heutige DGB-Bezirksjugendsekretärin, berichtete über ihre verstörenden Erfahrungen in der Kindheit und die langen Jahre der Aufarbeitung.

  Claudia Ermel | 28.11.2018

Nachdem sie als junge Erwachsene gemerkt hatte, dass sich neben Depressionen auch immer wieder Selbstmordgedanken bei ihr einschlichen, traf Ute Neumann eine Vereinbarung mit ihrer Wohngemeinschaft: Sobald sie einen Kaktus ins Badezimmer stellte, sollten die anderen sie einweisen, weil dann Gefahr im Verzug sei. „Glücklicherweise trat aber dieser Fall dann doch nie ein“, erzählte sie während ihres Vortrags. Denn zu jener Zeit hatte die junge Frau endlich Menschen gefunden, die ihr zuhörten und glaubten. Sie hatte bereits jahrelange Therapien hinter sich. Und durch neue Freundschaften war zumindest ihr Selbstwertgefühl ein wenig gestärkt worden.

Zur Einschulung Vergewaltigung

In einem sehr eindringlichen Vortrag berichtete die heute 36-jährige bei FAUST e.V. auf einer Veranstaltung, die Violetta e.V. und die Grüne Jugend Hannover anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen organisiert hatten, über ihre sehr persönlichen Erlebnisse mit sexualisierter Gewalt im Alter von 5 bis 9 Jahren durch einen 10 Jahre älteren Cousin. Sie erzählte, dass auch ihre eigene Familie ihr nie glaubte, wenn sie verlauten ließ, dass der Cousin „immer komische Sachen mit ihr machte“. Wobei es am Tag ihrer Einschulung dann auch zur ersten Penetration kam. Doch sobald Ute den Mut hatte, etwas zu erzählen, glaubten ihre Eltern ihr nicht. Ute war das „freche Kind, das Quatsch erzählt“. Über vier Jahre machte der Cousin mit der Kleinen, was er wollte. Doch für die Eltern war sie nur eine Geschichtenerzählerin, die sich wichtig machen wollte. In der Grundschule prügelte Ute sich öfters, quälte Tiere oder verletzte sich auch mal selbst. Denn die aufgestauten Aggressionen brauchten ein Ventil.

Selbstmord als letzter Ausweg?

Als die herangewachsene junge Frau nach Jahren der Verdrängung im Jahr 2008 durch ein Erlebnis begann, sich wieder zu erinnern, fiel sie in eine tiefe Depression und igelte sich ein. Sie wollte das Haus nicht mehr verlassen und plante ihren Suizid. Doch Ute studierte bereits an der Uni, bewegte sich in einem Umfeld, das sie ernst nahm. Eine Freundin schleppte Ute zu einer Opferberatung. Der Frauennotruf und die Gleichstellungsbeauftragte der Uni unterstützten sie, die erste Therapiebehandlung begann.

Als Ute schließlich gestärkt durch Therapeut*innen und Freund*innen Anzeige erstatten wollte, wurde diese wegen Verjährung und „Verdacht der Autosuggestion“ eingestellt. Dass die längst Erwachsene nun mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit geht, ist ihre Therapie und gleichzeitig ihr Aktivismus für andere Betroffene. Heute sagt sie, dass ihre Herkunftsfamilie für sie ein perfides „Netz der Gewalt“ war. Sie warnt davor, sexualisierte Gewalt weiterhin zu tabuisieren, Kinder müssten davor geschützt werden. Aber auch Erwachsene, die durch Abhängigkeitsverhältnisse, familiäre oder gesellschaftliche Zwänge oft hilflos seien. „Wir sind nicht schuld. Ihr seid nicht schuld, sondern die Täter,“ ist Utes Botschaft an alle Betroffenen. Unsere Gesellschaft müsse endlich aufhören das Thema sexualisierte Gewalt herunterzuspielen. Die Täter lauerten eben nicht im Park hinter einem Busch. Es seien nicht unbedingt die auffälligen Psychopaten und Pädophilen. Utes Cousin ist heute verheiratet und hat drei eigene Kinder.

Sexueller Missbrauch ist massive Grenzverletzung

Auch Ute Schneider von Violetta e.V. erzählte in ihrer Einführungsrede von Scham und Schuldgefühlen Betroffener, von Abhängigkeit und Ohnmacht gegenüber einem familiären Zusammenhalt, der Ignoranz vorschreibt. „Und das gibt es in allen Kulturen,“ erklärte sie und nannte einige statistisch erfasste Zahlen. So sollen laut Studien die tatsächlichen Missbrauchsfälle die bekannten Zahlen 30-fach übersteigen, zwei Drittel davon im Nahbereich der Familie. Nur ein kleiner Teil seien anonyme Täter*innen. (Es handelt sich nicht ausschließlich, aber überwiegend um Männer). Und auch männliche Opfer benötigen dringend mehr Beachtung; Beratung hierzu gibt es z.B. bei Anstoß.

Für Mädchen und Frauen bis 27 Jahre bietet Violetta kostenlos Hilfe und Beratung. Ute Schneider betonte, dass die Betroffenen bei Violetta e.V. immer die eigene Entscheidungsgewalt behielten. Nichts werde über ihren Kopf hinweg entschieden. Sie kündigte an, dass Violetta gerade eine Kampagne startet, um auf das Defizit an ausreichenden Unterstützungsangeboten hinzuweisen. Denn wie auch Ute Neumann sagt: „Unsere Gesellschaft hat Verantwortung für die Betroffenen.“ Sie forderte eine umfassende Aufstockung der Finanzierung professioneller Schulungen und Bildungsarbeit ab dem Kleinkindalter sowie Stärkung der Kinderrechte.

„Lasst uns endlich das Patriarchat abschaffen!“ rief sie dem Publikum zu, bevor die Crew einer Tanzperformance, die das Überleben feiert, die Bühne eroberte.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

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