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Konstanze Beckendorf spricht in ein Mikrofon

Interview Konstanze Beckedorf

Integration als gleichberechtigte Teilhabe am gemeinsamen Leben

Der LIP ist der Kompass für das multikulturelle Zusammenleben in Hannover. Jetzt wird er – der Lokale Integrationsplan – überarbeitet. Sozial- und Sportdezernentin Beckedorf zu den Hintergründen.

  Wolfgang Becker | 21.11.2018

Was war 2008 der Auslöser, einen Lokalen Integrationsplan (LIP) aufzustellen?

Angestoßen hat den LIP der damalige Oberbürgermeister Stephan Weil. Hannover war schon vor zehn Jahren eine Stadt mit einer erheblichen Einwanderung und Integration war auch national ein Thema. Weil hat erkannt, wie wichtig das Thema ist – und es auf seine Agenda gesetzt. "Wir brauchen ein Konzept, in dem aufgeschrieben ist, wie wir als Stadtgesellschaft – so international wie wir aufgestellt sind – zusammenleben können."

Gab es dann eine längere Debatte darüber?

Die Idee wurde 2007 / 2008 natürlich mit der Politik diskutiert, mit dem Ziel, einen politischen Konsens darüber herzustellen, dass man diesen Prozess anstoßen wollte. Am Ende hat dann der Rat einen einstimmigen Beschluss gefasst. Die Betonung liegt hier wirklich auf parteiübergreifend und einstimmig für einen Lokalen Integrationsplan.

Was waren die wesentlichen Inhalte, mit denen man sich dann im Laufe des Prozesses beschäftigt hat?

Man hat erstmal einen Integrationsrat – ein sehr großes Gremium – installiert und zusammengerufen. Darin waren weit gefächert unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen vertreten – natürlich auch Menschen mit Migrationsgeschichte. Die Basis des LIP war also ein sehr breiter Beteiligungsprozess. Man hat dann festgelegt, dass man sich mit unterschiedlichen Themenblöcken beschäftigen wird. Wichtiges Thema war die Teilhabe von Zugewanderten bzw. Eingewanderten in unserer Stadt. Insgesamt gab es sechs Themenbereiche, die man schön auf dem Titelblatt des Berichts sehen kann: Bildung, Wirtschaft, Soziales, Stadtleben, Demokratie und Stadtverwaltung. Das Ganze mündete dann in fast 250 Einzelmaßnahmen, die man aus den definierten Zielen entwickelt hatte. Diese Einzelmaßnahmen zu den unterschiedlichen Themenfeldern wurden dann im LIP festgehalten. Es sind 250 Maßnahmen, die die Stadtgesellschaft als Ganzes befähigen sollten, gleiche Teilhabe für alle Einwohnerinnen und Einwohner zu ermöglichen. Denn diese Teilhabe am gemeinsamen Leben in der Stadt macht Integration aus. Integration ist nicht Anpassung. Von diesem Grundgedanken war und ist die Haltung, die hinter dem LIP steht, getragen. Das ist seine Kernbotschaft.

LIP Heft
LIP Heft

Welche konkreten Wirkungen hat der LIP in den vielen Jahren seit seiner Aufstellung entfaltet?

Der Integrationsplan hat in diesen zehn Jahren deutliche Akzente gesetzt. Denn es gibt eine große Menge von Maßnahmen, die umgesetzt wurden. Ohne Priorisierung möchte ich einige Highlights beispielhaft benennen:

Alljährlich zum Ende des Fastenmonats Ramadan lädt der Oberbürgermeister zu einem Empfang in das Rathaus ein. In festlichem, feierlichen und ehrwürdigen Rahmen treffen sich Menschen aus den muslimischen Gemeinden und der anderen Religionsgemeinschaften mit Vertreterinnen und Vertretern aus der Politik zu Austausch und Gespräch.

  • Die Installation der Integrationsbeiräte auf Bezirksebene geht ebenfalls auf den LIP zurück.
  • Es gibt eine Qualifizierungsmaßnahme für Einbürgerungslotsen, die Menschen unterstützen, die sich einbürgern lassen wollen.
  • Sprachlernförderung in städtischen Kitas ist eine weitere Maßnahme.
  • Oder der städtische Dolmetscherpool. Mit seiner großen Vielfalt an Sprachen ist er für uns ein ganz wichtiges Instrument, um sprachliche Barrieren im Kontakt mit uns, der Verwaltung, gut überwinden zu können.
  • Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt einer bunten Palette, an der deutlich wird, dass der LIP seine Wirkungen erzielt hat.

Auch die Förderung durch den Gesellschaftsfonds Zusammenleben (GFZ) wurde aus dem LIP entwickelt…

Ja, der Gesellschaftsfonds ist nicht zuletzt etwas, was auch die Politik bis heute immer wieder unterstützt, indem im städtischen Haushalt die entsprechenden Mittel eingesetzt werden. Der Gesellschaftsfonds Zusammenleben selbst ruft Jahr für Jahr einen Wettbewerb aus unter einem speziellen Thema, das sich mit Integration beschäftigt. Die Auswahl der zu fördernden Projekte und die Vergabe der Mittel nimmt eine unabhängige, hochrangig besetzte Jury nach festgelegten Kriterien vor. Aktuell bin ich sehr froh, dass die Jury des GFZ bereit war, das Geld für den diesjährigen Ideenwettbewerb (135.000 €, d. Red.) gezielt für die Evaluation des LIP zur Verfügung zu stellen. Die Bewerbungsphase ist abgeschlossen, es sind zwischen 20 und 30 Projektideen eingereicht worden. Das ist doch total Klasse und zeigt eben auch, welch großes Interesse besteht, den Integrationsplan tatsächlich zu überarbeiten.

Warum jetzt nach zehn Jahren eine Überarbeitung des LIP?

Unsere Stadt hat sich weiterentwickelt, auch was Einwanderung und Zuwanderung angeht. Das gilt es jetzt anzuschauen. Auch ein Konzept wie der LIP ist ja nicht in Stein gemeißelt, auch das Thema Integration und die Herangehensweise und die Auseinandersetzung damit entwickeln sich weiter. Zurecht steht daher im LIP, dass regelmäßig alle zwei Jahre Bilanz gezogen werden soll. Das ist leider nach einiger Zeit ein bisschen vernachlässigt worden und wurde uns im vergangenen Jahr auf der Migrationskonferenz im Freizeitheim Vahrenwald berechtigter Weise vorgehalten. Es ist notwendig, wieder in einen gemeinsamen Prozess und Dialog zu gehen und ein neues Integrationskonzept zu erarbeiten. Gerade eben vor dem Hintergrund einer veränderten Situation in Hannover, insbesondere auch durch die große Zahl der Geflüchteten in unserer Stadt, die wir aufgenommen haben und die gemeinsam mit uns leben.

Welche Rolle spielen Migrant*innen in diesem Prozess?

Wer es genau beobachtet, der weiß, wie wichtig die Beteiligung von Migrantenselbstorganisationen ist. Hier hat insbesondere das MiSO-Netzwerk eine Bedeutung in unserer Stadt gewonnen, die man überhaupt nicht mehr wegdenken kann. MiSO selbst ist ja auch schon intensiv mit beteiligt an der Vorbereitung und an der Positionierung des Prozesses für den neuen LIP. Wie groß das Bedürfnis der Zusammenarbeit auf allen Seiten ist, hat ja die Migrationskonferenz 2017 eindrucksvoll gezeigt: Da ist der Geist deutlich formuliert worden und es war allen klar, jetzt ist wirklich Zeit, es anzugehen.

Wie soll es in 2019 weitergehen?

Auf der Migrationskonferenz 2018 am 19. Oktober sind wir ja in den Workshops schon quasi gestartet. Es war sehr wichtig, erst noch mal Rückschau zu halten und zu fragen, was war denn jetzt eigentlich richtig gut, was vielleicht nicht so gut. Was hat in der Umsetzung geklappt und was ließ sich nicht so gut entwickeln? Wovon hätte man sich mehr gewünscht? Damit ist der Anfang gemacht.

Nun muss uns der Rat der Stadt offiziell den Auftrag geben, denn für die Überarbeitung des LIP brauchen wir die politische Legitimation. „Eingetütet“ wird das über den Haushalt 2019/2020; in den jetzt laufenden Beratungen wird über Anträge entschieden, die uns mit den notwendigen zusätzlichen finanziellen Mitteln ausstatten. Dann starten wir 2019 richtig. Es wird wieder einen Lenkungsausschuss geben und die breite Beteiligung möglichst vieler Gruppen aus unserer Stadtgesellschaft.

Wie gesagt: Die Grundlage wurde vor wenigen Wochen zusammen mit MiSO gelegt – bei der Migrationskonferenz und in ihren Workshops. Damit ist dann vielleicht auch die Frage nach der Rolle und der Beteiligung des MiSO-Netzwerks noch mal ganz deutlich beantwortet.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

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