Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de
Daniel Cohn-Bendit

Hannah Arendt Tage 2018

'Dany le rouge' in Herrenhausen

Daniel Cohn-Bendit ist eine Lichtgestalt der antiautoritären Linken. Am 27.10.2018 referierte der langjährige Grünen-Europapolitiker im Schloss Herrenhausen über die Zeiten von 1968 und heute.

  Wolfgang Becker | 30.10.2018

50 Jahre ist es her, dass der 'rote Dany' in Paris auf den Barrikaden stand. Der Studentenprotest schwappte damals im Mai 1968 von Nanterre nach Paris über. Solidarisch traten französische Arbeiter in den Generalstreik, der damals 23-jährige Cohn-Bendit war mittendrin. „Dany, Deine Eltern wären stolz auf Dich“, schrieb ihm die in Hannover-Linden geborene Publizistin Hannah Arendt (1906 bis 1975) damals. 'Dany le rouge' wurde wegen seiner Rolle in der Studentenbewegung vom französischen Staat ausgewiesen und fand seinen Lebensmittelpunkt in Frankfurt am Main.

Die einleitenden Worte zur Matinee mit Cohn-Bendit am Samstagmorgen in Herrenhausen sprach Oberbürgermeister Stefan Schostok. Im Publikum war auch sein Vorvorgänger Herbert Schmalstieg. „1968 war ein Jahr weltweiter Umbrüche“, so Schostok: „Aber auch 2018 braucht Proteste. Vor allem, weil unsere demokratischen Werte bedroht werden!“ Die diesjährigen Hannah-Arendt-Tage standen unter dem Motto: „Dialog – Protest revisited“.

„68 – ich kann's nicht mehr hören …“, sagte der inzwischen 73-jährige Cohn-Bendit vor rund 250 Gästen im fast vollbesetzten Saal des Schlosses Herrenhausen: „Interessant ist nur, dass die Konservativen 1968 noch nicht überwunden haben.“ Damals hätte die Studentenbewegung „gesellschaftlich gewonnen, aber politisch verloren. Zum Glück!“, so Cohn-Bendit. Teile der Linken hätten damals das Modell der chinesischen Kulturrevolution nahtlos übertragen wollen, „da kann doch etwas nicht stimmen!“ Dieses sei nur eine der zahlreichen „Schattierungen des Wahnsinns“ in dieser Zeit gewesen.

„Ich war ein libertärer Anarchist“, beschrieb der mittlerweile – wie die meisten seiner ZuhörerInnen – ergraute 68er – die vormals roten Haare sind Legende – sich selbst als „Antikommunisten“ und gleichzeitig „Antikapitalisten“. In den 70-er Jahren war er Herausgeber der Sponti-Gazette „Pflasterstrand“, einem antiautoritären Stadtmagazin, das weit über die Grenzen von Frankfurt Beachtung fand. Cohn-Bendit war Weggefährte des späteren Außenministers Joschka Fischer und fand wie dieser den Weg zu den Grünen. 1989 bis 1997 war er in der Main-Metropole Dezernent des Amtes für mulitkulturelle Angelegenheiten und schließlich von 1994 bis 2014 für die Grünen in Straßburg Mitglied im Europa-Parlament. Zuletzt wurde der Alt-Sponti im Sommer 2018 als möglicher französischer Umweltminister gehandelt.

„Alle, die verloren haben, waren unsere Helden“, erinnerte sich Cohn-Bendit. „Für mich ist 68 etwas Wunderbares“, sagte er am Ende seines Vortrags. Rechten Neidern und Kritikern möchte er zurufen: „Hey, bleibt cool, Ihr habt doch alle etwas gewonnen. Ihr seid heute viel weniger blöd als es die Konservativen vor 50 Jahren waren!“

cohn-bendit_2.jpg cohn-bendit_2.jpg cohn-bendit_2.jpg cohn-bendit_2.jpg

„Protest im Wandel – neue soziale Bewegungen“, lautete der anschließende Vortrag der Junior-Professorin Sabrina Zajak von der Ruhr-Universität Bochum. „Heute gibt es im Gegensatz zu 68 einen vollkommen anderen Kontext, in dem sich neue soziale Bewegungen entfalten“, so Zajak. „Selbst wenn nicht alle Ziele erreicht werden, hinterlässt Protest langfristige Spuren!“ Nach ihrem kurzen Referat diskutierte sie mit Cohn-Bendit; und anschließend auch mit dem Publikum.

„Wir erleben derzeit einen Angriff rechter Kräfte auf die liberale Gesellschaft“, beschrieb Cohn-Bendit zum Ende der Diskussion die politische Lage und sprach von einem „Spuk“ und von der „Büchse der Pandora“. In Europa laufe sicher viel schief, aber die EU sei „eine zivilisatorische Errungenschaft“. Wichtig sei es, die Rechten nicht zu überschätzen: „Verdammt nochmal, selbst wenn die AfD in der Hessenwahl 12 % bekommt, haben sie 88 % nicht gewählt. Also sind sie nicht das Volk!“

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover