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Eine türkische Hochzeit

Die Fettnäpfchen-Kolumne

"Toll! Eine türkische Hochzeit!"

Zum Unterschied von Nationalität, Herkunftsland und ethnischer Zugehörigkeit

  Helga Barbara Gundlach | 19.05.2016

Lillys Freund hatte einen Arbeitskollegen, der mit seiner Familie aus der Türkei eingewandert war. Als dieser Arbeitskollege heiratete, lud er alle seine Kollegen und Kolleginnen nebst jeweiligen Partnerinnen und Partnern ein. Somit war auch Lilly eingeladen. Auf einer WhatsApp-Gruppe wurde eifrig diskutiert wer alles kommt, was man/frau trägt, welches Geschenk passend wäre usw. Lilly war voller Vorfreude und schrieb „Oh toll! Ich wollte immer schon mal auf eine türkische Hochzeit!“ Woraufhin sie schnell von einer (indienstämmigen) Arbeitskollegin den Kommentar erhielt: „Das ist ‘ne kurdische Hochzeit!“

Lilly war das furchtbar peinlich. „Oh Gott, so hab ich das nicht gemeint,“ schoss es ihr durch den Kopf. Denn sie ist immer sehr darauf bedacht, alle Menschen korrekt anzusprechen und zu behandeln.

Was war passiert?
Unterschiede innerhalb eines Landes sind Außenstehenden oft nicht bewusst. Länder werden oft sehr stereotyp, also verkürzt und verallgemeinernd wahrgenommen. Gibt es innerhalb eines Landes nicht nur ethnische oder regionale Unterschiede sondern auch daraus resultierende Konflikte und Diskriminierungen von Minderheiten ist der Fettnapf vorprogrammiert.

Natürlich gibt es aus der Türkei kommende ethnische Türken und Türkinnen. Aber es gibt auch Kurden und Kurdinnen und weitere Gruppen, denen ihre ethnische Zugehörigkeit wichtiger ist als die Nationalität. Da sie aber oft nur gefragt werden „Woher kommst du?“ antworten sie meist nur „Aus der Türkei“, was ja auch zutrifft, und werden dann fälschlich als Türken und Türkinnen wahrgenommen und bezeichnet.
Und so war auch Lilly ohne groß zu überlegen davon ausgegangen, dass jemand, der aus der Türkei kommt, auch eine “türkische” Hochzeit feiert. Die aus Indien kommende Kollegin kennt möglicherweise solche Verallgemeinerungen und fehlerhaften Zuschreibungen aus eigener Erfahrung und hat deswegen besonders schnell reagiert.

Was hätte besser laufen können?
Korrekte Formulierungen über und von zugewanderten Menschen selbst können der Mehrheitsgesellschaft helfen, z.B. die Unterscheidung zwischen türkischstämmig (Ethnie) oder türkeistämmig (Land) oder „Ich bin Kurde und komme aus der Türkei“. Denn nur dann kann man/frau wissen, wie die betreffende Person sich identifiziert, wahrgenommen und angesprochen werden möchte. Das setzt natürlich voraus, dass entsprechend gut Deutsch gesprochen wird und dass das Gesprächsklima solche Differenzierungen zulässt.
Die Aufnahmegesellschaft und andere zugewanderte Menschen könnten ihrerseits fragen, bevor sie vorschnell verallgemeinern „Du, ich weiß kaum etwas von dir, außer, dass du aus der Türkei kommst. Aus welcher Region bist du? Hast du/deine Familie einen türkischen, kurdischen oder anderen Hintergrund?“ und in diesem Fall ergänzend: „Werden bestimmte Traditionen oder (religiöse) Rituale bei der Hochzeit eine Rolle spielen? Gibt es etwas, dass ich beachten sollte?“

Auf diese Hochzeit konnte Lilly dann leider nicht gehen. Nicht aufgrund ihrer Äußerung, die ihr glücklicherweise niemand ernsthaft übel nahm, sondern weil ihr Freund erkrankte. Aber die nächste Hochzeit kommt bestimmt…

Lilly studiert in Hannover Sozialwissenschaften.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

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