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Ali Omar spielt die Oud

Portrait

Der syrischen Musiker Ali Omar wurde im eigenen Land staatenlos

Als nur subsidiär Schutzberechtigter Flüchtling wird ihm der Nachzug seines ältesten Sohnes verweigert.

  Jürgen Castendyk | 11.09.2017

Kennengelernt habe ich Ali Omar als Musiker auf kulturellen Veranstaltungen von kargah e. V.. Er spielte als Solist auf seiner Oud, der arabischen Laute, bescheiden, freundlich lächelnd und konzentriert. Das machte mich neugierig auf den Menschen und seine Musik. Wir trafen uns im kargah Café zu einem Gespräch. Mit dabei war Abdulrahman Afif, ebenfalls geflüchteter syrischer Kurde. Hilfsbereit wie immer, sorgte er für die simultane Übersetzung.

Als Kurde ausgebürgert und diskriminiert - eine schwierige Biografie
Ali Omar wurde 1966 in der Kleinstadt Qamischli geboren. Fünf Kilometer entfernt liegt die türkische Grenze, nach 100 Kilometern erreicht man die Grenze zum Irak. Im Rahmen der Arabisierung im Nordosten von Syrien wurden seit Anfang der sechziger Jahre vom Assad-Regime alle Kurden registriert, ausgebürgert und damit diskriminiert. Die Kurden sollten durch die Umsiedlung von Arabern nicht die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Sie verloren ihre Ausweise und konnten dadurch Syrien nicht mehr verlassen. Auch Ali Omar wuchs als Kind staatenloser Eltern auf. Das hatte gravierende Folgen. Bis zum zwölften Lebensjahr ging er zur Schule. Mit einem Abitur hätte er studieren können, aber universitäre Abschlüsse von Kurden wurden vom Staat nicht anerkannt. Folglich gab es für Absolventen keine Berufsaussichten. Ali Omar wurde Maler und Dekorateur, heiratete und wurde Vater von drei Kindern. Im Jahr 2012 wurden staatenlose Kurden in Syrien wieder eingebürgert. Kurz darauf floh Ali Omar wegen des Bürgerkrieges mit seiner Familie in den kurdischen Teil des Irak. Dort arbeitete er bis 2015. Da er in der Nähe des Kampfgebietes des sogenannten Islamischen Staates lebte, floh er erneut, diesmal nach Istanbul.

Ohne Ausweispapiere kann Ali Omar seinen ältesten Sohn nicht in Istanbul besuchen
Mit einem Visum der deutschen Botschaft konnte er nur ohne seine Frau und die Kinder legal nach Deutschland einreisen. Er wollte seine Schwester und seinen Schwager besuchen. Mit einer Bürgschaftsgarantie seiner Verwandten über alle Kosten konnte Ali Omar erstmal als Tourist in Deutschland bleiben. Dann stellte er einen Antrag auf Asyl. Durch die fehlenden Eigenschaften eines Flüchtlings nach der Genfer Flüchtlingskonvention (kein politisch verfolgter Flüchtling) erhielt er nur für drei Jahre eine befristete Aufenthaltserlaubnis. Sein Status ist die eines subsidiär Schutzberechtigten. Nach zwei Jahren konnte Ali Omar seine Frau und die beiden minderjährigen Kinder nach Deutschland nachholen. Sein ältester Sohn, über 18 Jahre alt, musste in Istanbul zurückbleiben. Alle juristischen Schritte, ihn nachzuholen, scheiterten bisher am Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Das Ausländeramt der Stadt Hannover verweigerte Ali Omar entsprechende Ausweispapiere, um seinen Sohn zu besuchen. Da der Sohn in Istanbul keine Arbeit findet, macht der Vater Schulden, um ihm das Existenzminimum zu sichern. Ali Omar lernt Deutsch und möchte wieder als Maler und Dekorateur arbeiten, erst als Praktikant, später als Selbstständiger.

Ali Omar sollte kein Berufsmusiker werden. Er spielte trotzdem - bis heute.
Mit 15 Jahren hat Ali Omar begonnen die Oud zu spielen. Die Eltern erlaubten ihm nicht, ein Berufsmusiker zu werden. In seiner Heimatstadt lernte er andere Musiker kennen. Als Autodidakten spielten sie traditionelle kurdische Melodien und Lieder, die sie erst imitierten und dann variierten. Auch bekannte kurdische Musiker spielen üblicherweise ohne Noten. Die kurdische Musik ist eigenständig, hat aber türkische und persische Einflüsse in sich aufgenommen. Die Oud ist ein weit verbreitetes arabisches Instrument mit einem geknickten Hals und 12 Saiten. Da sie paarweise eng beieinander liegen, wird die Laute wie ein Instrument mit sechs Saiten gespielt. Diese Besonderheit gibt der Oud ihren unverwechselbaren Klang. Natürlich hatte Ali Omar sein Instrument mitgebracht. Am Ende unseres Gespräches spielte er ein Stück. Sofort bekam das kargah Café ein orientalisches Flair. Es gab lebhaften Beifall. Kargah e. V. unterstützt Ali Omar bei der Gründung einer eigenen Band.

Nachwort: Das Verbot des Familiennachzugs soll verlängert werden. Mit seinem familiären Schicksal steht Ali Omar nicht allein da. Mit dem Asylpaket II vom März 2016 wurde der Familiennachzug für Flüchtlinge, denen im Asylverfahren nur der subsidiäre Schutzstatus zuerkannt wurde, für zwei Jahre ausgesetzt - also bis März 2018. Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat im Wahlkampf angekündigt, den Nachzug Familienangehöriger auch über dieses Datum hinaus zu verbieten. Bis wann, hat er nicht gesagt. Eine weitere Aussetzung des Familiennachzugs wäre ein schwerer Schlag für die Flüchtlinge. Eine Integration ohne ihre Familien ist für die Betroffenen unvorstellbar. Die Asylpakete I und II zeigen, dass sich die Bundesregierung von der Willkommenskultur längst verabschiedet hat. Stattdessen sollen Flüchtlinge mit Familien abgeschreckt werden, nach Deutschland zu kommen und Asyl zu beantragen. Die Verweigerung des Familiennachzugs ist dafür nur ein Beleg. Der Protest von Pro Asyl und dem Niedersächsischen Flüchtlingsrat sollte von den niedersächsischen Migrantenselbstorganisationen unterstützt werden. Davon ist bis bisher keine Rede.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover